Film 18. Mai 2012

Der poetische Katastrophenfilm

Ein Beitrag von Poetry Café

Filmtipps sind ja immer so eine Sache – denn wie gut oder schlecht jemand einen Film empfindet, hängt oftmals von subjektivem Befinden ab. Wir möchten euch aber heute dennoch einen höchst-subjektiven Filmtipp geben, der eine weltweite Katastrophe in einem poetischen Meisterwerk präsentiert: Perfect Sense.

In diesem Film von Regisseur David Mackenzie steht die Menschheit vor ihrem Ende. Jeder Mensch verliert einen Wahrnehmungssinn nach dem anderen. Vorboten dafür sind jeweils anders geartete Gefühlsausbrüche. Auf den Moment absoluter Trauer folgt die Ernüchterung und der Verlust des Geruchssinns. Auf den kollektiven Wutausbruch folgt Gehörlosigkeit. Sinn für Sinn verschwindet und nebenher wird eine Liebesgeschichte erzählt zwischen den zwei großartigen Darstellern Ewan McGregor (Michael) und Eva Green (Susan).

Beide sind von der Katastrophe direkt betroffen. Er, weil er Koch ist und damit unmittelbar mit Sinneswahrnehmungen zu tun hat. Sie, weil sie Epidemiologin ist und als eine der ersten von der Krankheit erfährt, bevor noch die breite Öffentlichkeit weiß, was sie erwartet. Dabei ist das Angenehme an Susans Rolle, dass sie nicht Wunder vollbringt und diejenige ist, die ein Heilmittel erfindet. Der Beruf ist für die Figur so gewählt, dass der Zuseher, das Fortschreiten der Epidemie mitverfolgen kann, sich jedoch von ihr nicht die Weltrettung erwartet. Während anhand des Restaurants in dem Michael arbeitet, wunderbar gezeigt wird, wie wichtig Sinneswahrnehmungen und Gewohnheiten in unserem Alltagsverhalten sind. Menschen arrangieren sich mit ihrer Situation und machen das Beste daraus wenn sie müssen. Das Leben nimmt, nach dem es aus den Fugen gerät, nach kurzer Zeit der Adaption, wieder den gewohnten Lauf. Wenn man nicht mehr riechen kann, wird stärker gewürzt. Wenn man nichts mehr schmecken kann, geht es um das Fühlen der Speisen – warm, kalt, knusprig, weich – und um die Optik. Wenn man nichts mehr hören kann, geht man trotzdem ins Lokal um sich bewirten zu lassen und sich mit Freunden in Gebärdensprache zu unterhalten. Bis irgendwann der totale Sinnesausfall kommt. Dann ist man am besten nicht alleine und hat jemanden, an seiner Seite.

Während des Films stellt man sich unweigerlich immer wieder die Frage, auf welchen Sinn könnte ich verzichten. Eine Antwort darauf zu finden ist unmöglich. Die Darstellung der Sinnesverluste ist ungemein poetisch und in großartigen Szenen mit wunderschönen Bildern umgesetzt. Als Susan und Michael ihr Gehör verlieren, ist der Film von ohrenbetäubender Stille geprägt. Man kann nur zu gut nachvollziehen, wie sich der Verlust für sie anfühlen muss.

Katastrophenfilm-Action sucht man hier vergebens, aber genau das ist das Schöne daran. Ungeheuer aufwühlend und spannend ist es trotzdem.

Bleibt nur noch die Frage: Wenn ihr nur eine Sinneswahrnehmung hergeben müsstet, welche würde es sein?

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