People 12. September 2011

Der Kopf lässt sich nicht demontieren.

Ein Beitrag von Poetry Café

Wir haben unseren Literaturwettbewerb “Textpresso” zum Anlass genommen, Marlen Schachinger, freie Autorin und Leiterin des Lehrganges Literarisches Schreiben, zu treffen und interviewen. Wir haben mit ihr über das Erzählen, Überlebensstrategien für Lesungen und das Fabulieren gesprochen.

Warum haben Sie mit dem Schreiben begonnen?
Definiert man Schreiben im Sinn von Erzählen, so müsste ich antworten; zum Zeit-Vertreib, zur Einsamkeits-Bewältigung und zur Welt-Ordnung, aber ebenso weil mich Geschichten an und für sich faszinierten – diejenigen, die mein Großvater mir abends erzählte, die meine Mutter aus Bibliotheksbüchern vorlas, sie hatten alle verständlicherweise stets ein Ende und obendrein oft einen unbefriedigenden Verlauf. Sie mir selbst zu erzählen, andere Facetten hervorzukehren, Figuren am Rand in die Mitte zu stellen, vor allem jedoch die Geschehnisse weiterzuspinnen, wurde zum tagtäglichen Lieblingsspiel. Dass andere Menschen dieser für mich normalen Beschäftigung nicht nachgingen, stellte ich erst als 6-jährige mit großer Verwunderung fest. – Definiert man Schreiben hingegen im Sinn eines mehr und mehr bewusst gestalteten Erzählens, würde die Antwort auf die Frage nach den Anfängen lauten.

Haben Sie auch einen Lehrgang besucht oder sind Sie ein „Naturtalent“?
Nein, ich habe keinen Lehrgang besucht. Das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig – damals noch nach Johannes R. Becher benannt – war zu Beginn meiner Studienzeit keine Alternative, da Leipzig, als universitäre Möglichkeit, 1989 im Weltbild einer angehenden Studentin aus dem ländlichen Raum Österreichs simpel gesprochen nicht vorkam. Wie so viele andere wählte ich mir daher die Fächer Vergleichende Literaturwissenschaft, Deutsche Philologie sowie Französisch, da meine Eltern darauf bestanden, etwas Handfestes müsse auf den Studienplan, eine vernünftige Basis in Form eines LehrerInnen-Daseins. Als in der ersten Einheit ein Dozent diejenigen, die Autoren werden wollten, aufforderte sich zu erheben und den Saal zu verlassen, denn sie seien hier am falschen Ort, erklärte ich mich aufgrund der männlichen Form der Berufsbezeichnung für Nicht-Angesprochen und blieb im Hörsaal sitzen. Nach dem 4. Semester, die Studienpläne für Lehramt und Diplom würden bald divergieren, wechselte ich still und heimlich zu letzterem.
Mitte der 1990er Jahre, ich hatte bereits meinen universitären Abschluss, lernte ich eine Gruppe Gleichgesinnter kennen. Wir trafen einander wöchentlich bis vierzehntägig, schrieben, tauschten uns darüber aus, kritisierten die entstandenen Arbeiten der anderen. Ein Mitglied jener Gruppe leitete damals einen Workshop an der VHS. Sie entschied sich, diesen aus zeitlichen Gründen abzugeben, und so übernahm ich die Leitung. Hieraus entstand im Lauf von elf Jahren und einem EU-Projekt der Lehrgang Literarisches Schreiben an der Werkstätte Kunstberufe. – Und meine Eltern behielten Recht: Das Studium wurde mir zum Vorteil, die Lehrtätigkeit lag mir als Lehrertochter nahe – wenn auch im Rahmen der Erwachsenenbildung.


Warum ist es für angehende AutorInnen wichtig, einen Lehrgang wie den Ihren
 zu besuchen?
Kurz gefasst: Lehrgänge oder Schreibstudien stellen neben dem autodidaktischen Weg eine Möglichkeit dar. Was für sie spricht, ist vor allem die Gruppe als Echo-Raum für Textversuche, die Möglichkeit des Austauschs untereinander, die Auseinandersetzung mit Kritik. Stärken und Schwächen können durch das Feedback auf den eigenen Text kennen gelernt werden, um nach und nach einen inneren Kritiker/eine innere Kritikerin zu entwickeln; der Umgang mit Kritik, mit Öffentlichkeit wird eingeübt, Recherchetechniken erlernt, Überlebensstrategien für Lesungen, Interviews erprobt etc. Alles andere nötige handwerkliche Wissen ließe sich gleichfalls durch bewusst gewählte Lektüre aneignen – wenn man weiß, wo man suchen muss … Das Studium im Rahmen eines Lehrgangs erleichtert dies. Außerdem bündeln sich die Kräfte in der Gruppe, Ideen und Initiativen anderer regen an, machen Mut, um mit eigenen literarischen Arbeiten an die Öffentlichkeit zu gehen. Nicht zu unterschätzen ist obendrein die Erfahrung, mit seinen Schreibbemühungen ernst genommen zu werden, die Gruppe als Freiraum, um all jene Fragen zu stellen, die man außerhalb nicht thematisieren würde, um Textsorten auszuprobieren, die sonst nicht gewagt werden würden.

Ihr/e Lieblingsautor/in und warum?
„Das ist eine sehr schwierige Frage, die sich mit der Nennung eines Namens nicht beantworten lässt; zudem verändern sie sich laufend. Relativ konstant bleiben folgende LiteratInnen:
Ernest Hemingway: Dialoggestaltung durch die Kraft des Ungesagten; José Lezama Lima, Jeanette Winterson, Virginia Woolf: Sprachmelodie; Mario Vargas Llosa: thematische Schwere, die trotzdem stets leichtfüßig einher schreitet; Marcel Proust, Oscar Wilde: der Ton, die Schönheit des Vokabulars; Isabel Allende, Gabriel García Márquez: narrative Versponnenheit, komplexe Erzählhandlung gekonnt strukturiert;
Zu zeitgenössischen KollegInnen des deutschsprachigen Raums möchte ich mich hier nicht im Detail äußern. Nur so viel: Provokation um der Provokation (des Profits?) willen ist ebenso wenig meine Sache wie Hirnwichserei, ausufernde Fadesse oder sprachliche Ungenauigkeit, die zur Maxime erhoben wird.“

Wo finden Sie Inspiration?
Überall.

Was bedeutet „everyday poetry“ für Sie?
Für mich persönlich hat es über den eindeutigen Wortsinn hinaus eine weitere Bedeutung: Als Autorin gibt es weder Urlaubstag, noch Feierabend, auch keinen Krankenstand unter 39,5 Grad Körpertemperatur. Der Kopf lässt sich nicht demontieren, der beobachtende Blick, das lauschende Ohr, das Fabulieren und die ewige Frage ist Teil des Seins. Alltag.

Wir danken für das Interview!
Fotocredit: Markus Osanger

Der Kopf lässt sich nicht demontieren

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