Literatur, People 25. Oktober 2011

Herr Grimm und Frau Groll

Ein Beitrag von Poetry Café

Kinderbücher, die auch für Erwachsene lesbar sind, verdienen immer doppelte Aufmerksamkeit :-) Daher haben wir uns mit Melanie Laibl, der Autorin von “Herr Grimm und Frau Groll zerkugeln sich” getroffen und ein sehr abwechslungsreiches Interview geführt, in dem wir viel über die Leseansprüche von Kindern, Zornesattacken und Inspiration im Alltag gelernt haben.

Um was geht es in Ihrem aktuellen Buch?
„Herr Grimm und Frau Groll zerkugeln sich“ ist eine Bilderbuch-Geschichte über zwei besonders „entspannte“ Zeitgenossen. Er arbeitet seit Jahren erfolgreich an einem gewaltigen Magengeschwür, sie mit jeder Zornesattacke an einem kolossalen Herzinfarkt. Die beiden Misanthropen granteln und schimpfen sich durchs Leben, dass es (zumindest für den Leser) eine wahre Freude ist. Bis sie sich eines Tages auf wundersame Weise selbst erkennen. Und Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Weg zur Zerkugelung.

Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Ihrer Geschichte und den Illustrationen bzw. wie entstehen die Illustrationen?
Das Grundkonzept des Buches besteht darin, die beiden Bilderbuch-Misanthropen aus zwei Richtungen aufeinander treffen zu lassen. Von vorne nach hinten gelesen, erzählt es die Geschichte von Herrn Grimm. Von hinten nach vorne betrachtet, lernt man Frau Groll kennen. Im Mittelaufschlag kommt es dann zu einem wahren „Knalleffekt“.
Für die nicht minder explosiven Illustrationen zeichnet Alexander Strohmaier verantwortlich, mit dem ich bereits ein Bilderbuch realisiert habe („Von der Krähe, die einen Vogel hat“). Wie schon bei der Krähe hat er sich sofort für den schrägen Humor begeistert, der mir bei Grimm & Groll wichtig war und ihn großartig in seine Bilderwelt transferiert. Am Anfang steht bei Alexander immer das Skizzenbuch, wo er die Geschichte erstmals durchspielt. Die tatsächlichen Illustrationen entstehen in minutiös ausgeführter Gouache-Technik. Und sind mit einer derartigen Fülle an feinsinnigen Details angereichert, das mir jedes Mal das Herz vor Freude hüpft, wenn ich eine neue Seite zu sehen bekomme. Es ist eine spannende Erfahrung, wie meine Gedanken durch die Bilder eine Art zweite Lesart erhalten, die gemeinsam mit dem Text zu einem gemeinsamen Ganzen verschmilzt.

Fotocredit: Michael Langoth

Inwiefern unterscheiden sich junge bzw. kindliche LeserInnen von erwachsenen LeserInnen?
Ganz klar: Sie sind ehrlicher, zeigen direkter ihre Emotionen. Wenn sie etwas zum Zerkugeln finden, dann tun sie es auch. Wenn die Geschichte aber zum Gähnen ist, landet das Buch in irgendeiner Ecke, wo es dann auch bleibt. Der Unterschied im Umgang mit Literatur zeigt sich besonders deutlich bei Lesungen. Erwachsene haben gelernt, auch langatmige Autorendarbietungen auszusitzen und mit Höflichkeitsapplaus zu quittieren. Kinder hingegen wollen begeistert werden. Darum lege ich meine Lesungen immer als Mini-Workshops an, wo es für die Zuhörer auch etwas zu tun gibt.
Noch ein Nachsatz: Der Anspruch an Inhalt und sprachliche Qualität ist bei den jungen Lesern bzw. Zuhörern übrigens gleich hoch wie bei den Erwachsenen. Das macht mich als begeisterte Sprachspielerin natürlich besonders glücklich.

Wo finden Sie Inspiration für Ihre Geschichten?
Auch wenn es reichlich abgedroschen klingt: immer und überall. Am häufigsten in Alltagssituationen. Die Idee für Herrn Grimm und Frau Groll ist mir zum Beispiel in der Straßenbahn zugeflogen – ein perfekter Ort für Charakterstudien. Oft genügt aber auch ein Wort oder Satzfragment, und schon zücke ich mein Notizbuch.

Was hat Sie motiviert Kinderbuch-Autorin zu werden?
Tatsächlich bin ich jahrelang ums literarische Schreiben herumgeschlichen wie die Katze um den heißen Brei, habe einiges ausprobiert und gleich wieder schubladiert. Aus meinen textkreativen Brotberufen (Werbekonzeption, Magazinredaktion) und ihrer Wechselwirkung zwischen Text und Bild kam ich dann irgendwann aufs Bilderbuch. Und damit auf seine unbegrenzten Möglichkeiten für skurrile Charaktere und sprachspielerische Phantastereien. Dort fühle ich mich jetzt sehr zu Hause.

Ihr persönliches Lieblingsbuch oder Lieblingsautor und warum?
Muss ich mich entscheiden ;-)? Ein einziges zu nennen, heißt, so vielen anderen Büchern Unrecht tun. Folgender Kompromissvorschlag: Ich verrate, welches mich mit ungläubigem Kopfschütteln und offen stehendem Mund zurückgelassen hat. Das war „Der Kameramörder“ von Thomas Glavinic.

Und ihr persönliches Lieblings-Kinderbuch?
Die beiden Höhepunkte meiner ersten Jahre als „Zuhörerin“ waren natürlich „Das kleine ICH-BIN-ICH“ von Mira Lobe und „Hatschi Bratschis Luftballon“ von Franz Karl Ginzkey. Absolut klassisch. Unter den zeitgenössischen Autoren schätze ich vor allem Gerda Anger-Schmidt für ihre sprachliche Leichtfüßigkeit.

Der schönste Satz, den Sie jemals in einem Buch gelesen haben?
Die letzten beiden Sätze in „Nach Hause schwimmen“ von Rolf Lappert erzeugen mir noch heute Gänsehaut: „Ich schwimme wie ein Hund, eher schlechter. Aber ich schwimme.“ Klingt unspektakulär, aber wer das Buch gelesen hat, weiß, was ich meine.

Vielen Dank für das Interview!

Links
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Website Melanie Laibl
Website Alexander Strohmaier

Es ist eine spannende Erfahrung, wie meine Gedanken durch die Bilder eine Art zweite Lesart erhalten.

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