Nach dem Beitrag des Erstplatzierten, Daniel Zipfel, folgt der Beitrag der zweitplatzierten Kerstin Frickmann.
Aus den Statements der Jury:
Kerstin Frickmanns „Schwellenschreiter“ ist ein äußerst klug konzipierter Text, dessen Strukturprinzipien auffallend harmonisch den Inhalt stützen. Sprachlich genau gearbeitet, inhaltlich basiert der Text auf einer witzigen Idee, mit distanziertem Blick erzählt, langsam gleich einer Kameraaufnahme verengt er sich, fokussiert, zoomt heran. Was bleibt: Eine Tasche Glück, die zu einem offenen Ende führt und über das Erzählte hinaus verweist.
SCHWELLENSCHREITER
Der Mann sitzt in der Badewanne, zupft Blatt um Blatt vom Fruchtstand eines Gänseblümchens, pustet es von seiner Fingerkuppe auf die Wasseroberfläche.
„Sie liebt mich!“
Auf dem Wannenrand steht eine lederne Damenhandtasche mit silbernem Schnappverschluss. Der Tragebügel ist mit Hautfett vollgesogen, steht aufrecht.
Der Mann horcht.
„Das Telefon?“
Er steigt aus der Wanne. Die Pflanzenteile haften auf seinem kleinen, faltigen Bauch, dem Geschlecht, seiner Beinbehaarung. Er geht hinaus. Man hört ihn sprechen:
„Ayumi? Heute komme ich zu dir. Heute! Ayumi?“
Er kehrt zurück in sein Blütenmeer, in der Hand ein Kursbuch der Bahn. Er befeuchtet den Zeigefinger im Badewasser, blättert dünne Seiten vor und zurück, gleitet in Spalten vertikal, horizontal, stockt, liest laut:
„Vier Uhr. Mo bis So. Hält Walltor, Messe, Hauptbahnhof. ICE mit Speisewagen. Ja! Ja, das ist er!“
Der Mann zieht den Wannenstöpsel, nimmt die Handtasche vom Rand, geht nass und nackt in die Küche. Dort bügelt er Unterwäsche, Hemd und Hose. Die Blütenblätter lässt er an seinem Körper trocknen. Vorsichtig kleidet er sich an.
Mithilfe einer Suppenkelle füllt er zwei Goldfische aus ihrem runden Glas in einen Gefrierbeutel um. Er wählt eine Jacke vom Garderobenständer und zieht um Punkt 12 Uhr die Wohnungstür hinter sich zu: In einer Hand die Fische, in der anderen die Damenhandtasche. Per Bus fährt er bis Aussicht, folgt einige hundert Meter dem Menschenstrom, biegt in eine Seitenstraße.
Konnichiwa Sushi und Mehr leuchtet über einem Restauranteingang. Im Vorraum steht ein großes Aquarium. Der Mann öffnet den Gefrierbeutel, schüttet den Inhalt hinein. Schnappatmung hinter der Scheibe.
„Keine Bange! Sie werden ihre Speisekarte nicht ändern wegen euch beiden. Goldfischsushi gibt es nicht. Sie werden euch lieben. Ich kenne sie.“
Fischaugen sind immer feucht.
Die Rolltreppen in die U-Bahnstation sind leer. Nur ein Windsog füllt die Schächte. 13 Uhr 47: Der Mann setzt sich in einen Wagon der 2.Klasse. Die Damenhandtasche stellt er auf seine Knie, öffnet sie einen Spalt weit, beugt sich darüber, nimmt einen tiefen Atemzug aus ihrem Inneren. Als er sich wieder aufrichtet, sind seine Augen geschlossen, sein Gesicht entspannt. Man könnte meinen, er geniesse. Erinnere. Empfinde.
„Nächster Halt: Walltor.“
Er steigt aus, folgt den Hinweisschildern Fernbahn, Tor.
In der Wandelhalle des Bahnhofs aktualisiert die Anzeigentafel Zeiten, Züge, Gleise. Der Mann wirft nur einen kurzen Blick darauf, betritt dann einen Warteraum für Fahrgäste. Niemand sitzt auf den Kunststoffschalen. Er wählt einen Platz weit hinten, zieht die Jacke aus, faltet sie, legt sie hin, stellt die Ledertasche darauf. Er dreht sich Richtung Tür. Die gesamte Wand der Eingangsfront ist beklebt mit dem Werbeplakat einer Versicherung. Das Motiv: eine Wegkreuzung in der Wüste. Der Slogan darunter lautet: Entscheiden Sie sich!
Die Bahnhofsuhr darüber zeigt 3 Uhr 15.
Ein junger Mann kommt herein. Schwellenschreiter & Söhne steht auf seinem Arbeitsblouson. Er trägt Plakatrollen unter den Arm geklemmt, einen Eimer mit Werkzeugen, eine Leiter. Sein Material deponiert er auf dem Boden, er beginnt, die alte Werbung mit einem Spachtel abzukratzen.
Der Mann bewegt sich in die Raummitte. Erst jetzt bemerkt der Plakatkleber ihn:
„Wieder da? Soll ich wie üblich nachschauen? Ihnen sagen, welches Motiv nächste Woche geklebt wird?“
„Später. Vielleicht.“
„Erst das Gewohnte?“
„Ja. Kiko. Die Pflege der Lebenskraft.“
„Seit Wochen gleich.“
„Seit dem sechzehnten März.“ Er steckt sich Watte in die Ohren, wendet dem Eingang den Rücken zu, nimmt Aufstellung, beginnt, harmonische, langsame Bewegungen zu machen.
Der Plakatkleber räumt Abfallreste weg, klebt erste Streifen der neuen Werbung auf.
Ein Obdachloser betritt den Warteraum. Er schiebt einen mit Kartons und Plastiktüten beladenen Einkaufswagen. Breitbeinig stellt er sich vor das entstehende Motiv, deutet mit ausladender Geste darauf:
„Das Akamontor! Das Rote Tor. In Tokio.“
Der Plakatkleber zeigt auf ein Blumengesteck, das zuoberst auf dem Einkaufswagen liegt:
„Woher?“
„Vom Perron, Gleis neun. Neun, auf Japanisch Ku, kann auch Leid, Schmerz bedeuten. Alle paar Tage steht dort ein Frisches. Seit Wochen. Seit die Frau dort verunglückte. Mors certa, hora incerta. Der Tod ist gewiss, ungewiss die Stunde.“
„Sie hat auf den Gleisen gelegen. Im Kimono. Einer dieser traditionellen Schuhe ist auf dem Bahnsteig zurückgeblieben.“
„Getas, heißen die.“ Der Obdachlose imitiert ein Kippeln auf hohen Schuhen. „Equilibriumverlust. Sturz. Fraktur des Dens axis. Sofortiger Tod. Vergleichbar einer Enthauptung.“
„Der Bahnsteig stundenlang gesperrt. Schaulustige. Der Ehemann war angeblich erst viel später vor Ort.“ Er streicht Blasen aus der Reklamefolie rund um die Eingangstür. „Vier Uhr. Ich war gerade fertig mit der Arbeit.“
„Vier Uhr. Vier. Japanisch Shi, bedeutet auch Tod.“ Er geht hinaus.
Der Mann beendet seine Übungen mit einer Verbeugung, entfernt die Watte aus den Ohren, dreht sich zum frisch geklebten Werbeplakat.
„Das ist das letzte Motiv für mich.“ Er lächelt. „Dort habe ich es zum ersten Mal gehört: das Klacken ihrer Getas. Sie zum ersten Mal gesehen: in ihrem Kimono. Sie durchschritt das Akamontor, während sie ihre Handtasche einen Spalt breit öffnete. Hinein schnupperte.“ Er geht langsam zum Sitz. „Ihre Augen waren geschlossen.“ Er betrachtet die Tasche auf dem gefalteten Jackett. „Wir stießen zusammen. Fanden uns.“
„Demnach eine Tasche Glück?“
„Ja, das Abschiedsgeschenk ihrer Eltern als sie das Dorf verließ. Heimatgeruch Geruchsglück Glücksduft.“ Er lässt den Tragebügel durch die Finger gleiten, zieht die Jacke an. „Hörst du mich nicht, siehst mich nicht, findest mich nicht: Geh zum Roten Tor, öffne die Tasche einen Spalt breit, sauge ein, tritt hindurch. Auf der anderen Seite bin ich. Das hat sie immer gesagt.“
„Ein Glücksbringer! Echte sind selten. Ich hatte nur Attrappen.“ Er begradigt überstehende Folienränder.
Die Bahnhofsuhr zeigt kurz vor 4.
Der Mann öffnet die Tasche, inhaliert tief, schließt sie, stellt sie zurück auf den Sitz, geht durch das aufgeklebte Akamontor aus dem Warteraum, murmelt:
„Gleis neun.“
Der Plakatkleber räumt das Arbeitsmaterial zusammen. Sein Blick fällt auf die zurückgelassene Damenhandtasche. Er greift sie, will dem Mann hinterherlaufen, stößt jedoch an der Türschwelle mit einer jungen Frau zusammen. Er zögert, sein Blick pendelt zwischen Torwerbung, Frau und Tasche, dann öffnet er den silbernen Schnappverschluss, schnuppert in den schmalen Spalt hinein. Grinst breit.
„Mist! Es ist Mist. Japanischer Glücksmist!“
Er hält die Damenhandtasche der jungen Frau hin. Sie saugt die Luft ein. Schließt die Augen.
KERSTIN FRICKMANN
Geboren 1964 in Hamburg. Studierte in Madrid (u.a. spanische Kunstgeschichte, Philosophie, Literatur), später in Deutschland mehrere Jahre Humanmedizin, danach Germanistik und Hispanistik. Mehrjährige Auslandsaufenthalte in Spanien, Frankreich, Marokko und der Schweiz, zahlreiche Wohnsitzwechsel innerhalb Deutschlands. Tätigkeiten für spanisches Außenministerium, Goethe-Institut, Botschaften, Schulen, Tourismusunternehmen. Lebt seit 10 Jahren in der Schweiz. Kerstin Frickmann schreibt seit vielen Jahren. 1993 Mitarbeit an Drehbuch von B. Driest. 1997 Lehrbuch „Spielerisch Spanisch“ (unveröffentlicht). 2003 Kindertheaterstück (aufgeführt). Seit 2007 intensive Schreibtätigkeit (Prosa, Drama, Lyrik). Mehrmonatiges Seminar der „Schreibszene Schweiz“, Thema Roman (Dozenten u.a. H. Schertenleib, P.Ivanov, T. Kummer). Seit 2009 Teilnahme an Schreibwettbewerben. Ihr erster Roman „Schicht um Schicht“ liegt abgeschlossen vor, ein zweiter ist in Arbeit.
Rund um Textpresso
Die Jury erreichten gesamt 125 Texte innerhalb eines knappen Monats, davon stammten rund ein Viertel aus Österreich, mehr als 2/4 aus
Deutschland sowie 5 Einreichungen aus der Schweiz. Eine erreichte uns jeweils aus Nordirland, Spanien, Italien sowie aus der Ukraine.
Die Jury grenzte die anonym eingereichten Arbeiten, die mehrheitlich von hoher Qualität waren, in einer ersten Sitzung auf 10 Nominierungen ein. Diese zehn wurden bei einem zweiten Treffen erneut und im Detail diskutiert.
Die Wahl fiel schließlich auf folgende drei BewerberInnen:
Daniel Zipfel: Mont Ventoux (Wien), Kerstin Frickmann: Schwellenschreiter (Düdingen, Schweiz), Cordula Simon: Untertischs (Odessa, Ukraine)